Dr. Max Czollek, Kübra Gümüşay und Dr. Thomas Lux bei Konferenz „Haltung zeigen?!“
Am 28. März 2025 ging es im Rahmen der Konferenz „Haltung zeigen?! Diversitätsdiskurse und Konfliktbearbeitung“, die vom Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement organisiert wurde, unter anderem um die Realitäten gesellschaftlicher Diversität. Eröffnet wurde die Konferenz mit Vorträgen von Dr. Max Czollek, Kübra Gümüşay und Dr. Thomas Lux, bevor die Teilnehmenden in verschiedenen Workshops gemeinsam diskutieren, reflektieren und sich austauschen konnten.
„Mir ist bewusst, dass schon die Forderung nach Verbundensein und Allgemeingültigkeit in einer Zeit so großer Spaltungen problematisch ist. Wir leben in einer Zeit, in der man Stellung beziehen muss. Mit der Forderung nach Zusammenhalt riskiert man, den notwendigen Kampf für Grundrechte und -freiheiten zu relativieren.“ Diese Stelle aus Kae Tempests Essay „Verbundensein“, die Prof. Dr. Dr. Ulla Gläßer zur Eröffnung der Konferenz noch weitreichender zitiert, betont die Notwendigkeit, gleichzeitig Haltung zu beweisen und die Suche nach Gemeinsamkeiten fortzusetzen. Es verdeutlicht, worum es an diesem Tag gehen soll. Gemeinsam mit Kirsten Schroeter leitet Ulla Gläßer den Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement, der zu der Konferenz eingeladen hat. Mit Katty Nöllenburg haben sie die Gesamtkonzeption und Moderation der Konferenz verantwortet. Nöllenburg unterstreicht zu Beginn, dass die Konfliktbearbeitung und Anti-Diskriminierungsarbeit noch stärker zusammengeführt und professionelle Konfliktbearbeiter*innen noch diskriminierungssensitiver werden müssen. In den einleitenden Worten des Dekans der Juristischen Fakultät Prof. Dr. Benjamin Lahusen klingt an, ähnlich wie bei Gläßer, wie drängend aktuelle Krisen sind, wie notwendig die Auseinandersetzung mit pluralen Realitäten und Perspektiven ist und was auf dem Spiel steht: „Demokratien sterben nicht, man tötet sie.“
Konferenzgalerie
Im ersten Vortrag von Dr. Max Czollek erinnert dieser zu Beginn an eine Resolution, die die Regierungsparteien gemeinsam mit der CDU/CSU Ende vergangenen Jahres eingebracht haben. Sie trägt den Titel „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ und wurde anlässlich des 9. November im Bundestag beschlossen. Aus dieser Resolution zitiert er eine Stelle, die einen Anstieg antisemitischer Vorfälle und Übergriffe vornehmlich als Konsequenz des Überfalls der Hamas auf Israel 2023 konstatiert und auf „einen zunehmend offenen und gewalttätigen Antisemitismus in rechtsextremistischen und islamistischen Milieus als auch auf einen relativierenden Umgang und vermehrt israelbezogenen und links-antiimperialistischen Antisemitismus“ zurückführt. Czollek wendet ein, dass Antisemitismus nicht erst seit dem 7. Oktober auf dem Vormarsch sei. Bereits zwischen 2017 und 2021 hätten sich laut Zahlen des Bundesministeriums des Innern und für Heimat antisemitische Delikte verdoppelt. „Insbesondere, wenn es einem um den Schutz jüdischen Lebens geht, muss man die Zäsur also früher ansetzen“, sagt Czollek und schlägt vor „2017 vielleicht, als die AfD erstmals in den Bundestag einzog.“
Er merkt an, dass es damals, 2017, im Bundestag keine Bemühungen um eine Resolution gab, sondern Antisemitismus immer wieder als Phänomen definiert wurde, das durch Zuwanderung entstanden sei. „All das liefert Material für die Vermutung, dass die Kritik an einem Zuwachs an Antisemitismus vor allem darum konsensfähig wurde, weil sie sich als ein importiertes, irgendwie externes Phänomen darstellen lässt. ‚Nie wieder‘ klappt eben dann am besten, wenn es einen selbst nichts kostet.“
Czollek weist vor allem auf eine Logik in der gesellschaftlichen und politischen Sphäre hin, die die Gewaltgeschichte Deutschlands nur allzu gern ausblendet und Antisemitismus immer wieder im scheinbar Externen sucht. Er zeigt auf, dass die Bemühung, Antisemitismus zu bekämpfen weniger Teil einer genuinen Haltung sei, als vielmehr zu einer rhetorischen Strategie der eigenen politischen Agenda verkomme. Dabei werde beispielsweise die Verschärfung des Asylrechts mit der Erinnerungskultur verknüpft. Czollek findet dafür viele Beispiele in den vergangenen Jahren. Als Julia Klöckner zum Beispiel über die Bundestagsabstimmung im Januar 2025, bei der die CDU/CSU mit Stimmen der AfD versuchte, strengere Asylregelungen zu verabschieden, gesagt habe, dass es bei der Zusammenarbeit mit der AfD um die Beendigung von Gewalt und Judenhass gehe. Oder bei Bundeskanzler Olaf Scholz, der im Oktober 2023 im SPIEGEL ein Interview gab, in dem er die Forderung, „in großem Stil“ abzuschieben mit einer Argumentation verknüpfte, laut der mehr Einwanderung zu mehr Antisemitismus führe, wogegen es die deutsche Gesellschaft eben zu beschützen gelte.
Die Erinnerung an die Shoah und deren Lehren werden also zu einem Argument gegen Migration gewendet; Erinnerungskultur als Strategie der Selbstentlastung umfunktioniert, die den Ursprung, das Ereignis der eigentlichen Erinnerung ausblendet. „Man muss sich das immer wieder klarmachen: In einem Land, das auf die wohl schlimmste antisemitische und vielfältige Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückblickt, scheint ein guter Teil dieser Gesellschaft überzeugt, dass das Problem von einer diskriminierten gesellschaftlichen Minderheit ausgeht.“ Für Czollek bedeutet das auch, dass eine erfolgreiche Aufarbeitung der deutschen Gewaltgeschichte gescheitert ist, in deren Anerkennung aber durchaus ein Möglichkeitsraum liegt: „Würde die Gesellschaft dieses Scheitern anerkennen, könnte sie eventuell nochmal neu ansetzen mit ihrem Nachdenken über Diversität und Erinnerungskultur.“
Im Anschluss sprach die Autorin Kübra Gümüşay über Realutopien und gerechte Zukünfte. 2020 erschien ihr Buch "Sprache und Sein", in dem sie über die enge Verknüpfung zwischen Sprache und dem eigenen Erleben spricht und für ein gemeinschaftliches Denken plädiert. Katty Nöllenburg berichtet einleitend über die Zusammenarbeit mit ihr: „Ich kann aus erster Hand bestätigen: Sie hat eine mitreißende Leidenschaft, ist ein brillanter Kopf und Geist und besitzt eine wirklich beeindruckende Wortgewandtheit. Die Worte sind bei Kübra Gümüşay real, motivierend und voller Liebe.“ Was Nöllenburg damit meint, lässt sich schnell nachvollziehen. Entgegen jeder berechtigten Sorge über aktuelle Entwicklungen und düstere Zukunftsszenarien, plädiert Gümüşay dafür, auf eine Art Hoffnung zu bestehen: „Die Zukunft geschieht nicht einfach so, sie ist die Konsequenz dessen, was wir heute tun.“ Sie spricht über reale Räume, die abseits schlechter Nachrichten bestehen, über die enge Verknüpfung sprachlicher Strukturen und eigener Perspektiven, zwischen Sprache und Macht sowie die Wichtigkeit, diese zu überdenken und aufzubrechen. Dabei negiert sie problematische Strukturen nicht, im Gegenteil. Vielmehr weist sie darauf hin, dass das Verständnis, dass eigene Perspektiven begrenzt sind, Handlungsräume und -möglichkeiten eröffnet. Es geht ihr vor allem darum, auf die Enge einzelner Sprachen hinzuweisen und eine praktische Demut vor der sprachlichen Unvollkommenheit zu praktizieren: „Uns droht die Schönheit der Welt verloren zu gehen, wenn wir glauben, unsere Sprache sei fertig und vollkommen, wenn wir glauben, sie sei formvollendet, nicht wandelbar, wenn wir glauben unsere Sprache würde tatsächlich alles in der Welt bereits erfassen. Denn Wörter sind die Räume, die wir erbaut haben, um uns in ihnen zu treffen.“
Über das Auseinanderdriften von Perspektiven spricht auch Dr. Thomas Lux, der sich dem Komplex aber auf ganz andere Weise nähert. 2023 hat der Makrosoziologe gemeinsam mit Dr. Linus Westheuser und Prof. Dr. Steffen Mau das Buch „Triggerpunkte“ herausgebracht, in dem sie sich Konsens und Konflikt in der deutschen Gegenwartsgesellschaft anschauen. Lux stellt in seinem Vortrag die Essenz dieser Forschung vor. Dabei geht es um eine empirische Perspektive auf Themen, die medial und gesellschaftlich häufig als spaltend bezeichnet werden. Wie wichtig es insgesamt, aber auch für den Studiengang und die Konferenz ist, sich den Themen Polarisierung und Spaltung aus dieser Perspektive zu nähern, erklärt auch Kirsten Schroeter als sie Lux vorstellt. Vier Arenen der Ungleichheit hat Lux mit seinen Co-Autoren in ihrer Forschung zu den Triggerpunkten ausgemacht und dabei festgestellt, dass eigentlich mehr Konsens herrscht, als allgemein angenommen. Dennoch gebe es sogenannte Triggerpunkte, die den Eindruck erzeugten, die Gesellschaft sei insgesamt tief gespalten, obwohl sie es nicht zwingend ist. Trotzdem sind diese Punkte laut Lux potenziell sehr gefährlich, da sie genutzt werden können, um Debatten anzuheizen und reale Polarisierungen zu erzeugen: „Triggerpunkte sind oft sehr kleine Phänomene, die aber ein enormes Erregungspotenzial haben. Sie erzeugen den Eindruck, die Gesellschaft sei insgesamt tief gespalten. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen spontan und affektiv reagieren und diese starke gefühlsmäßige Reaktion macht rationale Auseinandersetzung extrem schwierig. Gleichzeitig können solche Trigger im Sinne einer Affektpolitik genutzt werden, um die Stimmung im Land aufzuheizen und damit mögliche Polarisierungen erst zu erzeugen.“
Nach den inhaltlich dichten öffentlichen Vorträgen am Vormittag, kamen die Teilnehmenden am Nachmittag zu internen Workshops zusammen, um über verschiedene Aspekte und Diskurse von Diversität in ihrem Mediations-Alltag zu sprechen.
Lea Schüler
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